Legacy-Modernisierung: Modernisierung braucht ein "Warum" (2024)

"Klotz am Bein", "Innovationsbremser" und "irgendwas mit Mainframe": Die Legacy-IT musste sich in der Vergangenheit immer wieder unschöne Labels anheften lassen, manchmal zurecht, oft aber auch zu unrecht. Mittlerweile läuft die Debatte differenzierter und das "Erbe" der Unternehmens-IT wird als das hingenommen, was es ist: Systeme, die in ihrem Kontext Nutzen bringen, sich teilweise seit Jahrzehnten bewährt haben und die es nicht unbedingt um jeden Preis zu "überwinden", sondern vor allem sinnvoll in eine zukunftsfähige Umgebung zu integrieren gilt.

Diese Annäherung zwischen alter und neuer Welt liegt auch darin verwurzelt, dass die Cloud nicht mehr als das alternativlos gilt, sondern Multi-Cloud-Szenarien dominieren, die ohnehin als "Integrationsbetriebe" aufgebaut sind, in denen auch die Legacy aufgehen kann. Vor diesem Hintergrund sollten auch die strategischen Kategorien "Lift and Shift" und "Cloud Native" weniger absolut betrachtet werden, wie auch die Experten des Computerwoche-Roundtables zum Thema Legacy-Modernisierung feststellen:

"Reines Lift-and-Shift ist in manchen Projekten durchaus okay, zum Beispiel wenn der Lebenszyklus einer Anwendung absehbar ans Ende kommt", merkt etwa Johannes Böttcher von Netgo an. "In anderen Kontexten sind andere Methodiken wie beispielsweise eine Cloud-native Neuentwicklung sinnvoll, das hängt immer von den konkreten Anforderungen und der Perspektive für die Anwendung ab."

Legacy-IT ist nicht unbedingt negativ

Insbesondere das Vorurteil, dass Legacy immer gleichbedeutend mit einem antiquierten Monolithen ist, sollte dringend überwunden werden, wie Don Fitzgerald von EasiRun fordert: "Der Begriff der Legacy ist vor allem in der IT negativ behaftet - ich verstehe aber oft gar nicht, warum. Legacy ist ja nicht nur der Mainframe, sondern bezieht sich auch auf Anwendungen in Java oder sogar SAP. Wir haben es in jedem Unternehmen mit einer differenzierten Situation zu tun, der wir begegnen müssen. Letztlich geht es immer um Know-How und dessen Transfer in die Gegenwart - egal wie alt die 'Legacy' ist."

Informationen zu den Partner-Paketen der Studie 'Legacy-Modernisierung 2024'

Legacy ist also nichts, was man überwinden oder abschaffen müsste, sondern Teil jeder gewachsenen IT-Landschaft - auch in einer Cloud-Umgebung.

"Die Cloud ist kein Ort, sondern ein Betriebsmodell", befindet auch Thomas Huber von Nutanix. Er empfiehlt einen nüchternen Blick auf das Thema Modernisierung und die Potenziale der jeweiligen Technologie. Man sollte vor allem darauf achten, bei der Modernisierung nicht einfach den einen Monolithen durch einen neuen zu ersetzen. "Lift and Shift beschreibt ja erstmal nur, einen Umzug vorzunehmen. Ob der Betrieb danach besser oder schlechter läuft, steht auf einem anderen Blatt."

  1. Holger Nolte, ConSol
    „Viele Legacy-Systeme sind Java-basiert, insofern bestehen Modernisierungsaufgaben oft darin, diese Systeme aus On-Premises-Umgebungen in die Cloud zu heben. Das ist oft ein technisch getriebenes Vorhaben mit dem Wunsch, dass alles in der Cloud nachher so läuft wie vorher auf dem Server – und man sonst keine Veränderung merkt."
  2. Don Fitzgerald, EasiRun
    "In der IT wechselt die Argumentation gerne zwischen Ordnung und Chaos. Beides aber ist nötig und hängt sogar voneinander ab. Die IT muss sich ständig ändern, damit es für die Anwender so bleibt, wie es ist."
  3. Arsalan Minhas, Hyland
    „Ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen Anpassungsfähigkeit und Veränderungsbereitschaft zeigen müssen, bevor sie die Vorteile moderner Technologien nutzen können. Menschen, die an alten Rezepten festhalten, stellen ein wesentliches Risiko für jede Modernisierungsinitiative dar."
  4. Johannes Böttcher, Netgo
    „Modernisierung ist oft schmerzgetrieben. Aber dann ist es fast schon zu spät. Eigentlich muss man viel früher anfangen, die Funktionsfähigkeit der eigenen Systeme zu hinterfragen."
  5. Thomas Huber, Nutanix
    „Die Infrastruktur ist ein essenzieller Bestandteil des gesamten Konzeptes und definiert erstmal die Rahmenbedingungen für die Applikationslandschaft. Und der Datenpool richtet sich mehr oder weniger entlang dieser Applikationen aus. Dann folgt alles weitere: Security, Rollen, Komplexität. Das bedeutet: Wir haben es immer mit gewissen Pfadabhängigkeiten zu tun, an denen sich die Zielarchitektur ausrichtet."
  6. Matthias Quaisser, PKS
    „Altanwendungen in z. B. COBOL, RPG oder Assembler stellen die Unternehmen für die Weiterpflege vor besondere Herausforderungen. Bei Investitionsvorhaben werden eher die Kosten der Altanwendungen als ihr Wert gesehen. Dabei stellen viele Legacy-Anwendungen einen großen Wert für das Unternehmen dar, weil sie die Businesslogik abbilden und lange stabil und zuverlässig laufen."
  7. Dominik Ruechardt, PTC
    „Unternehmen werden die IT-Leute in Zukunft brauchen, um ihre Kerntransformation zu gestalten und nicht die Standardapplikationen zu verwalten. Es muss sich also niemand Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen."

"Veraltet" ist kein Argument mehr

Einig sind sich die Experten darüber, dass die Begründung "veraltet" zu wenig ist, um den richtigen Weg zur Modernisierung anzustoßen. Es brauche vielmehr eine Art "Envisioning", um ein Zielbild der idealen Architektur zu schaffen, hinter dem sich Fachbereich, Management und IT versammeln können.

Dominik Rüchardt von PTC empfiehlt deswegen, durchaus auch das entsprechende Vokabular zu verwenden: "Im Vordergrund steht bei mir nicht der Begriff der Modernisierung, sondern der der Transformation. Ich muss Geschäftsmodelle und Strukturen dahingehend umbauen. Dazu gehört auch der "Cleanup" im digitalen Keller." Die nächste wichtige Säule ist es dann, so Rüchart, die architektonischen Voraussetzungen zu schaffen. Der Zweck und das Zielbild sollten aber ständig präsent sein.

Rüchardt beobachtet dabei immer zwei ähnliche Phasen. Am Anfang gibt es einen konkreten Bedarf zur Veränderung, beispielsweise wenn die eigene Legacy zu großen Teilen noch auf COBOL aufbaut und die Entwickler, die sich damit auskennen, rar werden.

"Unternehmen sind erst schmerz- und dann strategiegetrieben. Erst, wenn die Transformation schon begonnen wurde, wird nach und nach der strategische Mehrwert gesehen und der Weg umso konsequenter gegangen."

Studie "Legacy-Modernisierung 2024": Sie können sich noch beteiligen!

Zum Thema Legacy-Modernisierung führt die COMPUTERWOCHE derzeit eine Multi-Client-Studie unter IT-Verantwortlichen durch. Haben Sie Fragen zu dieser Studie oder wollen Sie Partner werden, hilft Ihnen Julia Depaoli (julia.depaoli@foundryco.com, Telefon: +49 15290033824) gerne weiter. Informationen zur Studie finden Sie auch hier zum Download (PDF).

Der Schmerz ist real

Dass es eine Notwendigkeit zur Veränderung gibt, lässt sich in vielen Fällen kaum mehr negieren. Allein die "People-Dimension" bringt in vielen Unternehmen schon ausreichend Argumente für einen digitalen Cleanup, stellt Arsalan Minhas von Hyland klar.

"Wir sollten nicht vergessen, dass die Personen, die Legacy-Anwendungen wie etwa Mainframes verwalten, in den Ruhestand treten, und Millennials kein Interesse daran haben, mit diesen Systemen zu arbeiten."

Wer demnach die Perspektive der Mitarbeiter konsequent in den Mittelpunkt stelle, laufe auch nicht Gefahr, den richtigen Moment für eine Modernisierungsinitiative zu verpassen. Für Matthias Quaisser von PKS Software ist daher der Dialog mit den Mitarbeitern der Schlüssel für ein kontinuierliches Monitoring der Zukunftsfähigkeit der eigenen IT:

"Die wichtigste Frage, die sich Unternehmen ständig stellen müssen, lautet: Habe ich Leute, die meine Anwendungen verstehen und hätte ich Leute, die sie anpassen können? Wenn ich das mit 'ja' beantworte, dann bin ich safe!"

Die ständige Kommunikation mit der Fachebene liefert demnach genau die Impulse, die nötig sind, um einen Modernisierungsbedarf zu identifizieren. Doch auch nach begonnener Modernisierung sollte dieses Vorgehen beibehalten werden. Schließlich ist die Migration von Legacy-Software kein Selbstzweck sondern muss vor allem das Leben der Anwender besser machen:

"Große 'Big-Bang-Projekte' waren noch nie wirklich erfolgreich", sagt Quaisser. Es braucht einen gewissen Parallelbetrieb zwischen altem und neuem System (Koexistenzphase), bis alle Datenbestände migriert und funktionale Cluster modernisiert oder abgelöst sind. Außerdem muss für die Menschen, die damit arbeiten, die Brücke zwischen Legacy- und neuer Welt geschaffen werden."

Mit der Cloud wird es nicht einfacher

Die Diskussion zeigt, dass die Cloud-Awareness auch umgekehrt einen Effekt auf die Betrachtung der Legacy hat. Das liegt laut Holger Nolte von ConSol vor allem an einer Kerneigenschaft: "Cloud bedeutet normalerweise mehr Komplexität statt weniger. Deswegen muss auf dem Betrieb ein besonderer Fokus liegen. Hier ist es empfehlenswert, eigene Teams bereitzustellen, die Erfahrung im Cloud-Betrieb haben. Nur so wird auch die nötige Innovationsgeschwindigkeit erreicht."

Der Blick auf die Legacy-Debatte bestätigt die Erkenntnis, dass sich der Trend fortsetzt, IT-Systeme weniger von der technologischen und mehr von der Nutzerseite zu betrachten. Transformation rückt an die Stelle von Modernisierung um jeden Preis. Die Unternehmen haben - auch durch die mittlerweile aufgebaute Erfahrung - erkannt, dass das Gras in der Cloud nicht automatisch grüner ist. Systeme und Applikationen werden dank der Erfahrung mit Multi-Cloud-Umgebungen als sich ständig verändernde Organismen betrachtet. Daraus wächst die Verantwortung, die prozessuale Ebene in der Konzeption angemessen abzubilden.

"Wenn Sie wirklich die Vorteile der Digitalisierung nutzen wollen, müssen Sie Ihre Prozesse neu gestalten", bilanziert Arsalan Minhas. "Digitalisierung ohne Optimierung der Geschäftsprozesse, das wäre wie der berühmte 'Lipstick on a Pig'."

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